Irrlinien: Milieutheorie und Kino nach Sergej Eisenstein und Fernand Deligny

Elena Vogman

Das Postdoc-Projekt „Irrlinien: Milieutheorie und Kino nach Sergej Eisenstein und Fernand Deligny“ rekonstruiert die Wechselwirkung zwischen Milieutheorien und Kino anhand von zwei Fallstudien – dem Werk des sowjetischen Filmregisseurs und Theoretikers Sergej Eisenstein und des französischen Sozialpädagogen, Regisseurs und Theoretikers Fernand Deligny. Auf der Grundlage einer Recherche in den jeweiligen Archiven soll im Rahmen des Projekts untersucht werden, wie die Milieutheorie für beide Autoren zu einem operativen epistemischen und ästhetischen Paradigma avancierte. Die Entwicklung, die beide Autoren rezipieren, ist die Neuformulierung der Milieutheorie in der Biologie und Psychologie des frühen 20. Jh., in der ein deterministisches Verständnis des Milieus verabschiedet wird und der Begriff sich zu einer relationalen und operativen Kategorie entwickelt. In den Studien zur Tierwarnehmung von Hans Volkelt (Volkelt 1912), in der Umwelttheorie von Uexküll (Uexküll 1909), in der in Zusammenarbeit mit ihm entstandenen Entwicklungspsychologie Heinz Werners (Werner 1926) oder in der biologischen Tierpsychologie Friedrich Hempelmanns (Hempelmann 1926) – um hier nur einige der direkten Quellen von Eisenstein und Deligny zu nennen – wird das Milieu bzw. die Umwelt nicht mehr als Invariante, nicht mehr als neutraler und homogener Ort konzipiert, welcher den darin bestehenden Beziehungen zwischen atomistischen Entitäten vorausgeht, sondern als ein labiler Raum, in dem Organismen und Umwelt erst durch ihre dynamische Wechselbeziehungen bestimmt werden können.

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