Ökologie der Performance

Zur Ausstellung der performativen Arbeiten von Ana Mendieta, Li Binyuan und Mary Zygouris

Gerko Egert

„Performance is back“, „the performative turn in the art“ oder als Frage formuliert: „Is the Living Body the Last Thing Left Alive?“ (Costinaș/Janevski). So und so ähnlich artikuliert sich seit der Jahrtausendwende das Interesse zahlreicher Institutionen der Bildenden Kunst – Museen, Galerien, Magazine – an der Performancekunst. Performancekünstler*innen und Choreograph*innen kehren mit großen Soloausstellungen (bspw. Tino Sehgal, Guggenheim New York) oder thematischen Gruppenausstellungen (bspw. Move: Choreographing you, Hayward Gallery, London) den Theaterbühnen den Rücken und bevölkern erneut die Ausstellungsräume der Museen. Flüchtigkeit und Zeitlichkeit, Körperlichkeit und Reenactment sind dabei die immer wieder hervorgerufenen Schlagworte eines begleitenden Diskurses.
Der Fokus liegt dabei nicht nur auf der Live-Performance. In den Ausstellungsräumen sind ebenso Fotos, Videos oder schriftliche Aufzeichnungen zu sehen. Diese Dokumente dienen dabei zunächst einmal der Erstellung umfangreicher Retrospektiven, doch zugleich setzt mit ihnen eine Verschiebung ein, die für das Nachdenken über und mit Performances sowie über deren immanente Praktiken und ihrem Wissen zentral ist: Durch Videos und Fotos wird es möglich, das komplexes Gefüge einer spezifischen Situation zu präsentieren, die nicht auf die Handlungen eines (oder mehrerer) live agierender menschlicher Körper beschränkt ist. Hier wird die Performance zu einer Performance mit ihrem je spezifischen Raum bzw. ihrer Umwelt als aktiver Teil ihrer selbst erfahrbar. Anstelle der individuellen Handlung tritt nun das in den Vordergrund, was man den Akt des Welten-Machens der performativen Arbeit nennen könnte: Was sich hier zeigt ist ein Konzept von Performance, das nach ihrer performativen Ökologie, bzw. nach der Ökologie der Performance (ganz im Sinne Isabelle Stengers „Ökologie der Praktiken“) fragt. Performances können hier nicht mehr durch beliebige Räume – vom Museum ins Theater und zurück – bewegen werden, ja sie lassen sich oftmals gar nicht in den geschlossenen Räumen vieler Kunstinstitutionen aufführen. Als Gefüge aus Akteur*innen und Handlungen sind die Performances viel zu umfangreich für eine örtliche und zeitliche Verschiebung.
So präsentierte der Martin-Gropius-Bau in Berlin im Sommer 2018 mit der Ausstellung Covered in Time and History, die Arbeiten von Ana Mendieta nicht nur als Retrospektive einer Performancekünstlerin, deren Arbeiten vielfach und schon seit Langem in Museumskontexten zu sehen waren. Die Ausstellung ist auch ein Fokus auf jene Arbeiten Mendietas, in denen sie das bisher zentrale Element der Performance, ihren eigenen Körper, auf immer neue Weise in Verbindung mit den vielfältigen Handlungen der Natur bringt und ihn damit dezentriert. Reduziert auf seine Silhouette wird der Körper der Künstlerin hier selbst zu einer Technik, die – so könnte man sagen – vor allem dazu dient Prozesse des Fließens des Wassers oder dem Flammen des Feuers sichtbar zu machen. Mendietas Performances werden zu ökologischen Kompositionen, in denen keine der einzelnen Handlungen – seien sie menschlich, seien sie nicht-menschlich – extrahiert in einem anderen Kontext aufgeführt werden könnte.
Wie bei Mendieta war auch in der zeitlich parallel im Moma PS1 in New York stattfindenden Ausstellung Land: Zhang Huan and Li Binyuan die Tradition der Land- und der Site-Specific Art nicht zu übersehen. Doch sowohl Mendieta als auch die beiden ausgestellten Künstler Zhang und Li fokussieren in ihren Arbeiten vor allem auf die Performativität des Ortes und damit auf die Spezifität einer Situation, die sich nur im Zusammenspiel ihrer räumlichen wie zeitlichen Koordinaten bestimmen lässt. Es ist diese ökologische Dimension, die die Frage nach der Situiertheit von Performancekunst und der Politik ihres Ortes stellt.
Der experimentelle Gestus von Lis Arbeiten macht das ansonsten unsichtbare (oder zumindest lediglich im Hintergrund operierenden) Kräftespiel der Bambusbäume, ihrer Elastizität und Biegsamkeit, der Fließkraft des Wassers oder der Stärke des Windes auditiv und visuell erfahrbar. Wie weit kann ein Baumstamm unter dem Gewicht von Lis Körpers nachgeben? Wieviel Kraft bedarf es, gegen die Strömung des Wassers anzuspringen, wieviel Kraft gegen den Wind zu blasen?
Elastizität, Windkraft und Strömung werden hier zu wesentlichen Kräften in einem Gefüge, dessen vielfältigen Relationen auf zahlreiche Weise auf die Probe gestellt werden. Lis Performances sind ein Probieren und Experimentieren mit den Kräften der Natur, in denen sein Körper mehr einen Seismographen als das Zentrum der Performance bildet.
Wenn die Documenta 14 als eine Ausstellung gelten kann, die einen Fokus auf performative Verfahren gelegt hat, so sind es sicherlich Arbeiten wie jene von Khvay Samnang und Mary Zygouris, die dafür stehen könnten. Vor allem Zygouris’ performative Erinnerungsarbeit, die sich zugleich mit der Arbeit Kokkinia der Künstlerin Maria Karavela aus dem Jahr 1979 wie auch der im August 1944 von deutschen Soldaten in Athen durchgeführte „Blocco (Razzia) von Kokkinia“ auseinandersetzt, agiert in und mit der urbanen Ökologie des Athener Stadtteils. Im Zusammenspiel mit den Straßen, den Passant_innen, den Architekturen und Plätzen, den mit ihnen verbundenen Bildern und Erinnerungen entsteht eine performative Ökologie, die – wie sich zeigt – keinesfalls der Idee eines rein natürlichen oder gar ursprünglichen Zustandes unterliegt. Hier ist die Stadt kein gegebenes setting, das lediglich durch die Performances verändert und verfremdet wird, die Stadt ist vielmehr selbst zur Akteur_in in der Performance geworden. Ökologie bezeichnet hier ganz im Sinne Félix Guattaris ein Zusammenspiel ‚natürlicher‘ und ‚kultureller‘ Kräfte, menschlichen und nicht-menschlichen Handelns und ist weder auf einzelne Akteure, noch auf begrenze Räume oder Zeiten zu beschränken. In ihr ist jedes Dokument, jedes Fotos und Video, Teil einer medial-performativen Ökologie, die durch diese Aufzeichnungsverfahren bis in den Raum der Ausstellung ragt. Jenseits der Frage von Präsenz oder Repräsentation sind diese Dokumente im Museum Relais in den weiten Ausläufern ihrer performativen Ökologie.
Die Arbeiten von Mendieta, Li und Zygouris zeigen auf ihre je unterschiedliche Weise, dass bei der ‚Rückkehr‘ der Performancekunst in das Museum nicht einfach die Theaterbühne durch den Galerieraum eingetauscht wird, und dass dies nicht bloß eine Veränderung des Präsentations- und Zeitdispositivs ist, sondern dass sich mit dieser Verschiebung die Möglichkeit eröffnet, nochmals neu über die Frage nachzudenken, wer und was in der Performance handelt bzw. was zu diesen Handlungen hinzugezählt und was ausgeschlossen wird. Die Arbeiten artikulieren eine ökologische Perspektive auf Performances, die das Paradigma einer auf die im Theater oder Museum anwesenden menschlichen Körper reduzierten Präsenz in Frage stellt, und die vielfältigen Handlungen der Performance in den Vordergrund treten lässt, die das performative Gefüge der Arbeiten bilden – sowohl im Museum als auch über dieses hinaus.

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